Blog zu Themen rund um Autismus, ADHS, Neurodivergenz und Inklusion
In unregelmäßigen Abständen gibt es hier "Wissens-Happen" und Gedanken zu neurodivergenten Themen.
Wenn du dir einen Artikel zu einem bestimmten Thema wünschst, schreib mir!
Kinderschutz und Neurodivergenz
Die grundlegenden Ziele von Kinderschutz gelten für alle Kinder gleichermaßen. Bei neurodivergenten Kindern (besonderes mit Autismus oder ADHS) gibt es zusätzliche Aspekte:
1. Kommunikation verstehen
Neurodivergente Kinder kommunizieren unter Umständen anders, nutzen und interpretieren Mimik und Gestik anders. Dies kann dazu führen, dass Warnsignale übersehen werden oder dass Warnsignale interpretiert werden, wo sie gar nicht sind.
2. Verhaltensweisen richtig einordnen
Rückzug, Stimming oder emotionale Ausbrüche können Teil der Neurodivergenz sein und deuten nicht automatisch auf eine Gefährdung hin.
Umgekehrt dürfen echte Belastungsanzeichen nicht vorschnell als „nur Autismus“ oder „nur ADHS“ abgetan werden.
3. Höheres Risiko für Gewalt und Ausgrenzung
Studien zeigen, dass Kinder mit Behinderungen häufiger von Mobbing, Misshandlung oder sexueller Gewalt betroffen sind.
4. Bedürfnisse nach Vorhersehbarkeit und Sicherheit
Unerwartete Situationen können Stress verursachen und sind unbedingt zu vermeiden. Ein hohes Kontrollbedürfnis ist kein Warnsignal.
5. Sensorische Bedürfnisse berücksichtigen
Lärm, Licht oder andere Reize können überfordern. Diese Überlastung kann große Einschränkungen mit sich bringen und ist kein Warnsignal.
6. Selbstbestimmung
Neurodivergente Kinder nehmen eigene Bedürfnissen und Wünschen manchmal nicht deutlich wahr. Dies ist in der Neurodivergenz begründet und kein Hinweis oder gewichtiger Anhaltspunkt.
7. Fachwissen
Fachkräfte sollten Kenntnisse über Neurodivergenz haben, um Verhalten angemessen zu interpretieren!
Fehleinschätzungen können sowohl zu unnötigen Verdächtigungen als auch zum Übersehen tatsächlicher Gefährdungen führen.
Beispiel: Ein autistisches Kind vermeidet Blickkontakt und spricht wenig. Das ist kein Hinweis und kein gewichtiger Anhaltspunkt.
Auch fehlende soziale Kontakte sind kein gewichtiger Anhaltspunkt.

Erleben von Hitze
Viele autistische Kinder und Jugendliche verarbeiten sensorische Reize anders, als neurotypische. Das kann bedeuten, dass sie auch bei der Temperatur kleine Unterschiede stärker wahrnehmen und ihr Körper darauf mit Stress reagiert.
Hitze bedeutet Kontrollverlust: man kann nicht sehr viel dagegen tun. Autistische Kinder und Jugendliche sind auf Kontrolle angewiesen. Wird ihr Bedürfnis nach Kontrolle nicht befriedigt, führt das schnell zu Unbehagen, Unsicherheit und Stress...
Wird es also Sommer, kann das bedeuten: das Stresslevel steigt. Einfach weil die Grund-Stressfaktoren steigen. (die Temperatur)
Alles, was gegen Hitze hilft sollte großzügig zur Verfügung stehen (Ventilator, Wasser, Schatten usw.) jedoch wird es das Problem nicht lösen.
Wichtig: gerade in der heißen Jahreszeit braucht es Ausnahmen und Sonderregeln: Anpassung der Anforderungen in Schule oder Kita, kein Zwang nach draußen zu gehen, Befreiung vom Unterricht am Nachmittag, Bereitstellen von sicherem Essen und alles, was sonst noch hilft.

Gesund essen im Autismus-Spektrum
Essen und Trinken sind im Autismus-Spektrum oft herausfordernd.
Dabei spielen viele unterschiedliche Faktoren eine Rolle und nicht jeder Aspekt ist für jedes autistische Kind gleichermaßen schwierig.
Ein wichtiger Punkt ist aber oft das Kontrollbedürfnis:
Kinder und Jugendliche mit einem hohen Bedürfnis nach Kontrolle sind auf Vorhersehbarkeit und Zuverlässigkeit angewiesen.
Genau das können viele Lebensmittel jedoch nicht bieten. Oft wird dann angenommen, das Kind „stelle sich nur an“.
Wenn zusätzlich eine hypersensible Wahrnehmungsverarbeitung vorliegt, reagiert das Gehirn jedoch bereits auf kleine Reize oder minimale Abweichungen mit einer starken Reaktion. Diese ist real.
Manchmal hilft es deshalb, Lebensmittel immer möglichst gleich zuzubereiten:
Vielleicht wird nur eine bestimmte Apfelsorte akzeptiert und auch nur dann, wenn sie exakt so geschnitten ist, wie es sich für das Kind „richtig“ anfühlt.
Da wir Vorhersehbarkeit und Zuverlässigkeit in vielen Lebensbereichen nicht herstellen können (etwa beim Wetter, im Straßenverkehr oder bei Vertretungssituationen) sollten wir sie dort ermöglichen, wo es machbar ist.
Vorhersehbarkeit ist kein Verwöhnen, sondern zentrale Voraussetzung für gelingende Teilhabe.

"Schau mich an, wenn ich mit dir spreche"
Alle Pädagog:innen kennen das:
Wenn man die ungeteilte Aufmerksamkeit eines Kindes möchte, heißt es oft: „Schau mich an.“ Erst dann beginnt das eigentliche Gespräch.
Für viele autistische Kinder bewirkt genau das jedoch das Gegenteil:
Sie können oft schlechter zuhören, denken und kommunizieren, wenn sie gleichzeitig Blickkontakt halten sollen:
- In welches Auge soll ich schauen?
- Wie oft sollte ich zwischen den Augen wechseln? Gleichzeitig in beide schauen geht ja nicht.
- Schaue ich „richtig“?
- Welche Botschaft enthält der Blick, die mir gerade entgeht?
All diese Gedanken führen dazu, dass Konzentration verloren geht. Kommunikation gelingt mit Augenkontakt nicht besser, sondern vielleicht sogar weniger gut.

Inklusion zu Hause
Inklusion zu Hause bedeutet, dass Familien sich anpassen. Dass Regeln verändert, Routinen neu gedacht und Erwartungen hinterfragt werden müssen.
Welche Strukturen braucht es zu Hause? Wo sind Ausnahmen notwendig? Welche „Sonderregeln“ helfen einem Kind überhaupt erst dabei, sicher, reguliert und beteiligt zu sein? Das kann vieles betreffen:
- allein essen dürfen
- Rückzug statt „Mitmachen müssen“
- in der Kleidung schlafen, wenn umziehen nciht geht
- nicht gefragt werden: "wie war´s?"
- bei der Familienfeier Kopfhörer tragen
- Vorhersehbarkeit und Zuverlässigkeit
- kein Geburtstagslied, wenn Singen nicht ertragen wird
Vieles begegnet mir in meinen Kursen. Und oft ist es gar nicht so leicht, diese Anpassungen im Familienalltag durchzusetzen, besonders gegenüber älteren Familienmitgliedern oder gesellschaftlichen Erwartungen.
Und ja: Dieser Prozess kann auch schmerzhaft sein.
Es kann sich wie ein Verlust anfühlen, eigene Vorstellungen von Familie, Erziehung oder „Normalität“ loslassen zu müssen.
Eltern dürfen das als Einschränkung erleben. Sie dürfen ambivalente Gefühle haben.
Neurodivergente Kinder brauchen Familien, die bereit sind, umzudenken.
Viele Eltern leben Inklusion bereits zu Hause. Anderen fällt es noch schwer, Gedanken wie: „Das Kind muss... Wir müssen... Man muss..." loszulassen.
Die meisten Erziehungsratgeber, Tipps und gesellschaftlichen Erwartungen richten sich an neurotypische Eltern mit neurotypischen Kindern.
Für neurodivergente Familien sind sie oft nicht nur unpassend, sondern manchmal sogar schädlich.

